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Boocompany: Vom Fluch des Verbraucherjournalismus 9. Januar 2009

Posted by Langhaariger Bombenleger in Unsoziale Netzwerke.
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Plötzlich war die in Vergessenheit geratene Website Boocompany.com nicht mehr unter ihrem Namen erreichbar. Interessierte die Site, die einst der alternative Newsticker aller Onliner war, niemand mehr? Doch, aber sie war Online-Betrügern ein Dorn im Auge – diese ließen die Domain abschalten lassen. Die Betreiberin bat Spenden, um die „entführte“ Domain auszulösen – andernfalls wollte sie endgültig hinwerfen und zumachen.

Boocompany

„Dotcomtod“ war nach dem Dotcomcrash eine von Onlinern und Medienleuten viel gelesene Website, auf der Firmenpleiten und auch journalistische/verlagstechnische Fehlgriffe in ungewohnt direkter Ausdrucksweise anonym von sogenannten „Sentinels“ (Wächtern) verkündet wurden.

Die Betreiberin Lanu war all die Jahre anonym geblieben, Spekulationen über ihre Identität machten die Runde, Unbeteiligte wurden gestalkt und schließlich T-Shirts „Ich bin Lanu“ verkauft. Die Bloggerszene übertraf dabei die von Lanu schon traditionell wenig geschätzten Journalisten noch an Dämlichkeit.

Fast alle direkt nach der Jahrtausendwende online aktiven Netz- und Medienmenschen lasen die Site, viele schrieben auch, nur wenige geben allerdings letzteres zu, da jede Menge Abmahnungen und Strafanzeigen gegen diese nicht dem deutschen Abmahnrecht unterliegende Site und ihre Sentinels auf die Reise gingen und das Ausplaudern von noch so peinlichen Betriebsinterna („Insider“) nun einmal gegen praktisch jeden üblichen Arbeitsvertrag verstößt, vor allem, wenn es sich dabei auch noch um die Wahrheit handelt.

Doch eigentlich war das Interesse an der nach einigen Quereleien und Schusseleien nun Boocompany genannten Site ziemlich abgeflaut. Zu Unrecht: Sie ist eins der letzten Gemeinschaftsblogs, das zwar unter dem Schutz einer anoymen Adresse arbeitet, doch keine wilden Verleumdungen freischaltet. Und sie kämpft tapfer gegen die Internet-Abzocker.

Boocompany Verbraucherschutz-Forum
Stein des Anstoßes: Die „Nutzlos-Branche“, die Abmahnanwälte, Abofallensteller und sonstigen Internet-Abzocker, wurde im Forum von Boocompany regelmäßig geoutet. Sie rächte sich mit dem Abschalten der Domain.

Einerseits unter dem Titel „Mahlzeit“ mit dem Bereitstellen von Lebensmittel-Fotos, um einem durch Massenabmahnungen unangenehm aufgefallenen Hobbyfotografen das Geschäft zu versauen von diesen ständigen lästigen Content-Diebstählen zu befreien. Und andererseits mit dem Forum, das über alle die irgendwelche dubiosen Abzocktricks abziehenden „Unternehmen“ berichtete, von Massenabmahnern über Kinderabzocker bis zu Telefonspammern .

Leider ist Deutschland in dieser Hinsicht nämlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Während in den USA nach einem Opt-Out weiter durch Werbeanrufe geplagte Bürger den Anrufer relativ formlos anzeigen können, sobald sie sein Unternehmen herausgefunden haben, und dieser dann 10.000 US-Dollar Strafe zahlen darf, ist bei uns die Kaltaquise per Telefon zwar ohne Opt-In sogar klar verboten, doch geht sie unverändert weiter. Ebenso die Spielchen um scheinbar kostenlose Hausaufgaben für Schüler, Alkohol-, Intelligenz- und Führerscheintests oder normalerweise völlig kostenlose Routenplaner.

http://www.youtube.com/watch?v=fhh5uhIXNEg
Akte 08-Beitrag zur Internet-Abzocke

Zum Verhängnis wurde Lanu, daß die Angaben im Whois der Domain boocompany.com von genau einem jener Unternehmen in Frage gestellt wurden, die selbst vorzugsweise Briefkastenfirmen an nicht existenten Standorten betreiben. Aus diesen Kreisen kam auch die erste „Erfolgsmeldung“, daß die Site nicht mehr ereichbar ist. Diesmal war die Domain zwar nicht weg , aber disfunktional.

Um Boocompany aufzurufen, mußze man nun die IP 195.137.172.122 in die Adreßzeile des Browsers eingeben, womit aber nur gelesen werden konnte. Wer schreiben oder Forum bzw. Mahlzeit besuchen wollte, muß die Datei hosts wie folgt ergänzen :

195.137.172.122 boocompany.com
195.137.172.122 forum.boocompany.com
195.137.172.122 www.boocompany.com
195.137.172.122 mahlzeit.boocompany.com

Das ist natürlich schon Geekniveau, das man keinen abzockgeschädigten Routenplaneropfern zumuten kann. Damit war das störende Forum aus dem Netz und die Abzocker konnten wieder ungestört ihren krummen Geschäften nachgehen.

Lanu bat als letzte Maßnahme um Spenden – gegen eine wohl dem Abzocken so einiger Schulkinder äquivalente Summe wurde die Domain boocompany.com von denen, die sie sabotiert haben, dann wieder freigegeben.

Lanu braucht Dich!

„Viel Feind, viel Ehr“ – wieso sich nur noch finanzkräftige Fernsehsender an die Internet-Abzockthematik heranwagen, normale deutsche Blogger mit ordnungsgemäßem Impressum ebenso wie deutsche Online- und Printmedien dagegen inzwischen brav die Schere im Kopf ansetzen und die Mitarbeiter entlassen, die beim Schreiben immer noch an die Leser denken statt an den Verlag, wird hier erkennbar.

Aber auch, wie leicht man immer noch mit etwas Mut gegen die kriminellen Geschäftemacher informieren kann, sofern man es schafft, anonym zu bleiben. Von daher war es gut, wenn Lanu ihre Boo-Flinte nicht ins Abmahnkorn wirft.

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